Das goldene Kalb...
von Frank A. Gupta
Es war einmal vor langer Zeit ein armer Bauer, der sein einziges Kalb hegte und pflegte so gut er konnte. Er lebte glücklich und zufrieden in seiner kleinen Kate und schaute seinem Kalb zu wie es wuchs und gedieh, so dass es eine wahre Freude war. Es war ein einfaches und umweltverträgliches Leben (in Märchen produzieren Kühe kein Methangas, das zur globalen Erwärmung beiträgt).
Aber wie immer in Märchen, wartet das Böse direkt hinter der nächsten Ecke.
Es war ein wunderschönes Sommerwochenende, als sich einige Börsenmakler zu einer kleinen Landpartie aufmachten. Sie fuhren in großen chromblitzenden Karossen durch die Gegend, tranken eine Menge Champagner und ließen sich selbst hochleben, weil sie während der Woche einige Anleger übers Ohr gehauen hatten. So geschah es denn, dass sie an der kleinen Kate des Bauern mit seinem Kalb vorbeikamen.
Als sie das Kalb sahen, sprang einer von ihnen auf und rief: „Was für ein schönes Kalb. Das gibt einmal wunderbare Steaks, die hervorragend zu dem Lafite Rothschild passen, den ich aus dem Keller des Kerls habe, der beim letzten Crash aus dem Fenster gesprungen ist (zu dieser Zeit war das Fensterspringen in gewissen Kreisen ein gesellschaftlich akzeptierter, wenn auch nicht sehr gesunder Sport).
Die anderen ließen ihn ob dieser wunderbaren Idee hochleben und fingen an den Bauern davon zu überzeugen sie ins Kälbermastgeschäft mit einsteigen zu lassen: „Wir besorgen dir Taler in Hülle und Fülle, so dass es dir und deinem Kalb an nichts mangele“, so versprachen sie.
Am Anfang wuchs und gedieh das Kalb, so dass es eine wahre Pracht war, da das Kalb fettes Gras und allerlei Leckereien zu fressen bekam, dass der Bauer sich vorher nicht hatte leisten können. Was die Börsenmakler aber wohlweislich verschwiegen hatten, war, dass sie schon auf der Rückfahrt Wetten darauf abgeschlossen hatten, wie schnell das Kalb wachsen würde und wie groß die Steaks sein würden, die sie zu verspeisen gedachten. Und entlang ihres Weges fanden Sie viele, viele Menschen, die sich an den Wetten beteiligten.
Aber wie ich schon sagte: Am Anfang wuchs und gedieh das Kalb, so dass es eine wahre Pracht war und viele Politiker und selbsternannte Kuhexperten tanzten um das Kalb herum, bewerteten es AAA und gaben vollmundige Presseerklärungen ab. Landauf, landab setzte ein gegenseitiges Schulterklopfen ein, so dass es manchem Chiropraktiker die Tränen in die Augen trieb.
Doch es kam wie es kommen musste. Die Börsenmakler waren mit den Wachstumsraten des Kalbs nicht mehr zufrieden, weil ihre Erwartungen und die der selbsternannten Kuhexperten nicht übertroffen wurden. So liehen sie sich von der Notenbank viele neue Taler (die sie frisch, fromm, fröhlich, frei, druckte und zinslos verlieh), um sie in das Unternehmen Kälbermast zu stecken. Sie überredeten den Bauern mit Engelszungen nicht mehr auf seinen Tierarzt zu hören, der meinte das Kalb sei ausgewachsen und mittlerweile eine stattliche Kuh, sondern auf Unternehmensberater zu hören, die nicht die geringste Ahnung von der Kälbermast hatten und einen Ernährungsmanager einzustellen, der sich zwar noch niemals auf einem Bauernhof verdingt hatte, aber einen klangvollen Namen besaß, da er schon viele Unternehmen radikal umgebaut und damit ruiniert hatte. Hierdurch hoffte man weitere Investoren für das Unternehmen Kälbermast zu gewinnen.
Aber plötzlich und unerwartet für alle Experten erschütterte ein großer Knall das Land und ließ es in seinen Grundfesten erbeben. Die AAA-Kuh war aufgrund von Überfütterung explodiert und hinterließ weite Landstriche hoffnungslos verwüstet.
Doch wie ging es weiter?
Nun ja - die Politiker gingen erstmal in den wohlverdienten Urlaub, die Berater sammelten die Knochen auf und fertigten in liebevoller Heimarbeit schöne Halsketten für die Gemahlinnen, der Ernährungsmanager hatte schon lange einen neuen Vertrag mit einem Fernsehsender als ausgewiesener Kuhexperte und erklärte, dass er immer schon gewusst habe, dass es so kommen würde und die Börsenmakler sagten „Oups“ drehten sich herum, öffneten die Flasche Lafite Rothschild und tranken sie auf Ex. Nur der Bauer stand allein neben seiner Kate und dachte still bei sich: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass in der Pfütze dort drüben mehr intelligentes Leben existiert, als in der gesamten Politik und Wirtschaft.“
Und wenn sie nicht aus dem Fenster gesprungen sind, dann fangen sie mit dem gleichen Spiel Morgen von vorne an...
Ich für meinen Teil verspüre momentan große Lust in Sprungbretter zu investieren und sie gewissen Herrschaften kostenlos zur Verfügung zu stellen... Macht jemand mit?
Mit besten Grüßen
Frank A. Gupta

