- Verfasst am 15.11.2010 - Literatur
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Material- und Warenprüfung in der DDR – Anspruch und Wirklichkeit
Das Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung "ASMW war die führende Institution des Prüfwesens und zuständig für alle wichtigen Bereiche der Produktzulassung, Qualitätssicherung, Zertifizierung und Akkreditierung von Prüflaboratorien sowie für das Messwesen und die Normung". Mit dieser Feststellung unterstreicht der Präsident der BAM Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung, Prof. Dr. M. Hennecke, in seinem Geleitwort die Bedeutung des zentralen Amtes der DDR, über das die vorliegende Publikation ausführlich informiert. Das Amt wurde 1950 als Deutsches Amt für Material- und Warenprüfung gegründet und führte nach der Vereinigung mit dem Deutschen Amt für Messwesen und dem Amt für Standardisierung der DDR ab dem 1. Januar 1973 die Bezeichnung Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung. Die Autoren waren, z. T. mehr als 25 Jahre, Mitarbeiter des Amtes.
In der Einleitung machen die Autoren darauf aufmerksam, dass komplexe Darstellungen über die Material- und Warenprüfung in der DDR mit den wichtigsten Zusammenhängen noch nicht vorhanden sind. In den Medien erschienen bisher Teilaspekte, die die vielfältigen Verflechtungen in der damaligen Realität nur begrenzt widerspiegeln.
Mit dem In-Kraft-Treten des Einigungsvertrages am 3. Oktober 1990 ist das Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung aufgelöst worden. Es kam zu einem abrupten Abbruch der Tätigkeit und es bestand zunächst keine Möglichkeit, die positiven und negativen Arbeitsergebnisse auszuwerten. Bei der raschen Auflösung gingen wichtige Dokumente verloren.
Mit viel Fleiß, Umsicht und Sorgfalt haben die Autoren erst Jahre später begonnen, die verfügbare Literatur, noch erreichbare Dokumente und Aussagen ehemaliger Fachkollegen systematisch auszuwerten. Dies geschah nicht nur mit dem Ziel einer Darstellung der Entwicklung der Material- und Warenprüfung in der DDR. Gleichzeitig kam es auch darauf an, die Einflüsse der Politik und der Wirtschaft auf die Material- und Warenprüfung darzustellen.
Nach einem kurzgefassten Rückblick auf die Material- und Warenprüfung in Deutschland bis 1945 schildern die Autoren die Entwicklung der Material- und Warenprüfung in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und in der DDR bis zur Wiedervereinigung. Schwerpunkt ist dabei die Entwicklung in den Jahren 1950 bis 1989.
Nach Gründung der DDR unterscheiden sie vier Entwicklungsabschnitte:
- die Entwicklung eines Systems der Material- und Warenprüfung als Element der zentralen staatlichen Planung und Leitung in der Volkswirtschaft der DDR (1950 bis 1962),
- die Weiterentwicklung der Qualitätssicherung und –kontrolle zur Stabilisierung der Wirtschaft der DDR unter den Bedingungen einer zunehmenden Kooperation im Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe RGW (1963 bis 1972),
- die Verstärkung des zentralen staatlichen und des Parteieinflusses auf die Qualitätssicherung und –kontrolle in der Wirtschaft der DDR (1973 bis 1980),
- der Versuch einer verstärkten Hinwendung zu einer durchgängigen stabilen Qualitätsproduktion unter Berücksichtigung veränderter Weltmarktbedingungen (1981 bis 1989).
Gegenstand des ersten Kapitels ist die "Situation in Deutschland bis 1945". In dem Kapitel, in dem auch auf das Lehrfach Warenprüfung hingewiesen wird, werden die Aufgaben der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (PTR) als oberste Behörde für das Eichwesen und das physikalisch-technische Prüfwesen, die 1887gegründet worden ist, des 1917 ins Leben gerufenen Normenausschusses der Deutschen Industrie (NADI) und der seit 1920 wirkenden Chemisch-Technischen Reichsanstalt (CTR) behandelt.
Unter der Überschrift "Wiederaufbau der Material- und Warenprüfung in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges (1945 bis 1949)" wird der Leser im zweiten Kapitel über die Bemühungen um arbeitsfähige herstellerunabhängige Prüfstellen und die Arbeitsergebnisse informiert, auf denen nach Gründung der DDR aufgebaut werden konnte. Die Autoren verweisen dabei auf die wirtschaftliche Entwicklung in den Ländern der Sowjetischen Besatzungszone, auf die besonderen Belastungen durch Demontagen und auf die Aktivitäten zur Entwicklung der Material- und Warenprüfung durch Nutzung der aus der Vorkriegszeit verbliebenen Prüfämter und –institute. Sie würdigen besonders den Beschluss der Regierung des Landes Thüringen vom 7. Juni 1946, mit Wirkung vom 1. Juli 1946, ein staatliches Warenprüfungsamt zu gründen, und die Anordnung des Ministerpräsidenten des Landes Sachsen vom 11. April 1947 zur Gütesicherung in der gewerblichen Produktion. Der Leiter des staatlichen Materialprüfungsamtes Thüringen, Dipl.-Ing. Max Rüffle, wurde auf Veranlassung der Sowjetischen Militäradministration im Juni 1949 in die Deutsche Wirtschaftskommission nach Berlin berufen und mit der Ordnung und Koordinierung der Material- und Warenprüfung in der gesamten Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands beauftragt. Das Kapitel schließt mit der "Verordnung über die Verbesserung der Qualität der Produktion" vom 24. November 1949, die nach Bildung der Provisorischen Regierung der DDR und der Auflösung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland verabschiedet worden ist.
Die Anfänge der Material- und Warenprüfung in der DDR werden im dritten Kapitel dargestellt. Berücksichtigt sind die in der Zeit zwischen 1950 und 1962 getroffenen rechtlichen Regelungen, die Einführung der Gütezeichen und eines Überwachungszeichens, die Bildung von Gutachterausschüssen und von Staatlichen Güteinspektionen, die Einführung der als TGL bekannten Staatlichen Standards und die Gründung des Amtes für Standardisierung, die Entwicklung der Prüfkapazitäten für die Material- und Warenprüfung im DAMW sowie die Erweiterung der Befugnisse des Amtes als zentrales staatliches Organ für die Material- und Warenprüfung. Zu den neuen Befugnissen gehörten die Bestimmung der Grundsätze für die betrieblichen Gütekontrollorgane und das Treffen von Anordnungen über das Verzeichnis der anmelde- und prüfpflichtigen Erzeugnisse. Wichtigste Ergebnisse dieses Entwicklungsabschnittes waren die Konsolidierung des Systems der Material- und Warenprüfung und die Verstärkung des staatlichen Einflusses auf die Entwicklung und Verbesserung der Erzeugnisqualität in den Betrieben.
Thema des anschließenden Kapitels über die Weiterentwicklung der Qualitätssicherung und dabei speziell der Qualitätskontrolle im Zeitraum von 1963 bis 1972 sind die Bemühungen um die Stabilisierung der DDR-Wirtschaft und um eine zunehmende Kooperation im Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe. In diesem Kapitel werden die Einführung des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft, die Schlussfolgerungen für die Material- und Warenprüfung sowie Fragen der Preisbildung und der Gewinnerwirtschaftung unter dem Aspekt der Qualität behandelt, ganz speziell die Einbeziehung der Güteklassifizierung in die Preisbildung. Informiert wird dabei auch über organisatorische Veränderungen wie die Vereinigung des DAMW mit dem Deutschen Amt für Messwesen (DAM) und die Einbeziehung der industriellen Formgestaltung in die staatliche Qualitätskontrolle, ferner auch die Einführung der Approbationspflicht für elektrotechnische Importerzeugnisse und eines Approbationszeichens. Hervorzuheben ist auch die Gründung des Amtes für industrielle Formgestaltung am 1. Februar 1972.
Die Verstärkung des zentralen staatlichen und des Parteieinflusses auf die Qualitätssicherung und -kontrolle in der Wirtschaft der DDR steht im Mittelpunkt des fünften Kapitels. Das Kapitel berücksichtigt die Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur der DDR in den Jahren 1973 bis 1980, die Eingliederung des Amtes für Standardisierung der DDR in das DAMW und die Neustrukturierung des so entstehenden Amtes, das mit Wirkung vom 1. Januar 1973 die Bezeichnung Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung (ASMW) führt, und die Herausbildung der Kombinate als wichtigste Wirtschaftseinheiten.
In der Material- und Warenprüfung wurde in der DDR das Ziel verfolgt, in den Jahren 1981 bis 1989 unter komplizierten wirtschaftlichen Bedingungen eine durchgängig stabile Qualitätsproduktion zu sichern. So entstanden, wie die Autoren im sechsten Kapitel zeigen, erhebliche Probleme durch die gegenüber der DDR verhängten Embargomaßnahmen, durch Schwierigkeiten mit der Zahlungsbilanz und durch die Notwendigkeit, Importe aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet einzuschränken. Die Investitionen mussten auf wenige Schwerpunkte konzentriert werden. Hinzu kamen unrealistische Ziele in der Qualitätspolitik wie z. B. die Vorgabe, dass 60 % der neuentwickelten Erzeugnisse den Anforderungen des Gütezeichens Q entsprechen müssen. Das Gütezeichen Q wurde nur noch Spitzenerzeugnissen zuerkannt und in der Gültigkeit auf zwei Jahre begrenzt.
Im Jahr 1983 wurden in den zentral geleiteten Betrieben und Kombinaten Qualitätsinspektionen eingesetzt, die die Vollmacht hatten, den Betrieben Auflagen zu erteilen. Im Interesse der Erhöhung der Qualität wurden Werkstandards mit Qualitätsmaßstäben eingeführt. Außerdem wurde festgelegt, dass neue Erzeugnisse sechs Wochen vor der Produktionsaufnahme beim ASMW anzumelden sind. Ende der 80er Jahre stand die Schaffung eines Akkreditierungssystems des ASMW auf der Tagesordnung. In dieser Zeit gab es bereits 11 000 Werkstandards mit Qualitätsmaßstäben.
In den Kapiteln 8 bis 15 und den Anhängen findet der Leser ergänzende Informationen sowie Auszüge und Nachdrucke wichtiger Dokumente. Als Beispiel seien genannt: Einfluss auf die Qualitätsentwicklung vor der Produktionsaufnahme, Die Technische Kontrollorganisation (TKO) als Dreh- und Angelpunkt in Sachen Qualität, Qualitätssicherungssysteme, Stimulierung der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung, Qualitätszirkel, Zuverlässigkeit der Erzeugnisse, Vergabe von Goldmedaillen auf der Leipziger Messe, Ende der DDR und Abwicklung des ASMW.
Erwähnenswert ist auch der Überblick über weitere Einrichtungen in der DDR auf dem Gebiet der Qualitätsüberwachung.
Der Anhang beginnt mit Grundsätzen aus dem Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 und endet mit dem letzten Statut des ASMW vom 23. Januar 1990. Er berücksichtigt die wichtigsten Rechtsvorschriften auf dem Gebiet der Material- und Warenprüfung für das Territorium der DDR.
Mit der Entwicklung in der DDR befassen sich gegenwärtig zahlreiche Schriften auf unterschiedlichem Niveau – von historischen Studien bis zu Erinnerungsbüchern. Nur wenige der vorliegenden Schriften stützen sich so gründlich auf Untersuchungen und eigene Erfahrungen wie die vorliegende Publikation. Dem Leser drängt sich bei der Lektüre wiederholt die Frage auf, welche Schlussfolgerungen aus den im Warenprüfwesen der DDR gewonnenen Erfahrungen gezogen werden können. Es drängen sich Fragen auf, wie z. B.: Ist ein einheitliches Prüfwesen besser als die gegenwärtige Zersplitterung? Brauchen wir eine Vielzahl von Gütezeichen und Gütesiegeln oder sollten wir uns auf wenige Gütezeichen beschränken? Wie können die im ASMW gewonnenen Forschungsergebnisse genutzt werden?
Der Rezensent, der als Leiter des Leipziger Instituts für Warenkunde und späterer Direktor der Sektion Warenkunde und Technologie von 1959 bis 1990 mit seinen Mitarbeitern Forschungen für das ASMW durchgeführt hat, kann die vorliegende Schrift nur begrüßen und zugleich empfehlen, auch die im Amt gewonnenen Forschungsergebnisse auszuwerten. Er denkt dabei ganz speziell an die warenkundliche Schadensforschung und an die Expeditionen, die im Auftrag des Amtes in tropische Gebiete durchgeführt worden sind.
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